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März 2017
Nr. 219


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„Wilde Maus“ von und mit Josef Hader – seit 17. Februar im Kino!
Foto: Ioan Gavriel




“Tiere” - ein Film voller wunderbar gefilmter Rätsel.
Foto: Tellfilm




“Die beste aller Welten”, ausgezeichnet mit dem Kompass-Perspektive-Preis der Berlinale
Foto: RitzlFilm
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Mit launigen Sprüchen wie diesem warb heuer die Mitte Februar über die Bühne gegangene 67. Berlinale, wo wieder erfreulich viele Beiträge aus Österreich zu sehen waren. Wolfgang Ritzberger berichtet – zwei Seelen in seiner Brust – als Chefredakteur und als Produzent, selbst bei der Berlinale vertreten mit dem Spielfilm „Die beste aller Welten“ (Regie Adrian Goiginger) in der Nebenreihe „Perspektiven Deutsches Kino“, sehr persönlich und subjektiv. What else?

Erster Tag: Anreise, Quartier beziehen – wir hatten uns als eine Art Film-WG in einer großen Airbnb-Wohnung eingemietet und auch ein kleines Büro eingerichtet, um ein bisserl Berliner Luft schnuppern. Zum nächsten Car-Sharing Auto ist es meist weit, wie in Wien, mindestens so weit, wie bis zur nächsten U-Bahn Station. Dafür ist die Wohnung ein Jugendstiltraum, gehört einem Künstlerehepaar, das seit 20 Jahren hier lebt. Im Vorfeld hat uns, ebenso wie Haders Film „Wilde Maus“, die Berliner Morgenpost unter jene 20 Filme gereiht, für die es „lohnt Schlange zu stehen“. Zwei aus Österreich, bei 400 Filmen, die hier am Start sind.

Zweiter Tag: Noch einmal die Luft anhalten, den Berg Aufgaben für die Berlinale abarbeiten. Besuch des Mauermuseums am Checkpoint Charlie, und während wir durch das Haus an der Mauer gehen, wird auch eine Horde angehender Bundeswehroffiziere durch das Museum geführt. Den Besuch kann man befehlen, den Eishauch der Geschichte spürt man unfreiwillig freiwillig. Ja, jeder von uns weiß es eh, und wir haben es unzählige Male gehört, gelesen und gesehen. Aber, dennoch, man will es nicht glauben und auch nicht, dass dieses Museum, das jahrzehntelang ganz knapp an der Mauer stand, sich finanziell alleine durchgfretten musste. Hätte sonst das politische Klima empfindlich stören können. Bei meinem letzten Besuch war Berlin Mitte so in der Gegend Friedrichstrasse noch ein junges, dynamische Stadtviertel. Jetzt protzen die Einkaufszentren und Läden um die Wette. Vor dem Festival Palais am Potsdamerplatz wird noch fleißig am Red Carpet gebaut; wir suchen eine Location für die Premierenfeier am Samstag und bekommen einen Korb nach dem anderen. Es sei doch Berlinale, und da werde man für keine größeren Gruppen reservieren können. Rund ums Kino eine Touristenbude neben der anderen, die Chance auf ein Stadtzentrum mit einer vitalen und echten Lokalkultur wurde hier eindeutig verpasst.

Dritter Tag: Ab ins Getümmel der Berlinale - in der Potsdamer Straße, dort, wo viel, ganz viel Geschichte stattfand - erstreckt sich auch die Berlinale selbst. Als mehrstöckige Büroflucht, als Branding, das die Stadt dort, wo Berlinale drinnen ist, in Rot taucht – ganz gleich, ob im alten DDR-Colosseum Kino am Prenzlauer Berg, dem Friedrichsstadtpalast (dem neuen) in Berlin-Mitte oder dem Haus der Festspiele im „alten“ Westen, ums Eck vom KaDeWe. Im Büro der Perspektive dann eine stürmische Begrüßung. Wir haben hier schon die ersten Fans, und die mitgebrachte Sachertorte (vom Demel, denn der hat ja das Originalrezept) tut das Ihrige dazu. Wir werden auch der Rolle als Österreicher gerecht und erzählen die Geschichte vom Rechtsstreit zwischen Demel und Sacher und warum die Sachertorte vom Demel eigentlich die Original-Sachertorte ist, obwohl sie sich nicht mehr so bezeichnen darf. Ja, die Ösis, prozessieren wegen der Marillenmarmelade. Mein Nachsatz, dass ich die Compliance-Regeln der Berlinale nicht verletze, da die Torte in 16 Stücke geschnitten als Einzelstück deutlich weniger kostet als die für Geschenkannahme vorgegebene Obergrenze, verstärkt das Amüsement über die charmanten Österreicher – so viel Tortenstücke bekommt keine runter - keine Gefahr, Compliance-Regeln zu verletzen. Wobei es der Torte nicht bedurft hätte, der Film hätte gereicht, um beliebt zu sein, wie wir später entdecken. Gemeinsam stapfen wir dann zu den ersten Events. Empfang für die Teilnehmer der Perspektive in einer Lounge vor der Eröffnung, dann rüber zur Film- und Fernsehhochschule Berlin, die in den oberen Stockwerken des Sony Centers logiert. Produzenten wurden eingeladen, Studenten der Hochschule als „Patenkinder“ zu adoptieren und von ihnen während der Berlinale begleitet zu werden. Allerdings stellt sich dann heraus, dass etliche „Patenkinder“ einen Job bei der Berlinale und daher keine Zeit haben. Trotzdem habe ich interessante junge Leute kennengelernt ,und mein Statement bei der Vorstellung hört der Nachwuchs gerne: „Ich finde es toll, welche Möglichkeiten ihr heute habt. Als ich so alt war, vor immerhin 25, 30 Jahren, hat man uns diese Chancen nicht einmal im Ansatz geboten. Mit 25 hätte ich noch keine Regie bei einem Kino-Langfilm führen dürfen. Und da kein Grund dafür besteht, euch auch zu bestrafen, freue ich mich, euch zu unterstützen und zu fördern, wo ich nur kann.“

Dann kam Django
Dann ging’s Richtung Eröffnung, der Trubel und das Drumherum wird medial viel aufregender rezipiert als es letztendlich ist. Obwohl wir langsam beginnen, uns klar zu machen, dass wir auf dem größten Publikumsfestival der Welt sind, und wir registrieren, dass wir auf einer Welle des Wohlwollens surfen. „Ah ihr seid’s, die von dem Film aus Salzburg“ hören wir fast überall, wo wir hinkommen. Aber noch sind wir sehr entspannt, zumindest nach außen. Wenn der Run auf das kleine Kontingent an Karten, das wir für die Premiere am Samstag zur Verfügung haben, ein Indikator sein könnte, dann schlägt das Pendel heftig nach oben aus. Ich übe mich in Stoizismus, alle anderen Reaktionen auf die notwendige Quadratur des Kreises, mehr Personen die in die Premiere wollen als wir Karten haben, wären Energieverschwendung. Ich beginne erstmals, Anrufe und SMS zu ignorieren, zumindest für den Moment. Auf der Bühne macht ein deutscher TV-Comedy-Star keine gar so schlechten Witze, zum Beispiel über Donald Trump, was zugegeben nicht ganz so schwer ist. Die Frage an das Publikum „Kommt jeder von Ihnen auch wieder nach Hause?“ muss einem trotzdem erst einfallen. Die Ansprachen waren kurz und keinesfalls bedeutsam, und dann kam Django, der Eröffnungsfilm des Festivals. Die Kritiken waren im Vorfeld schon eher vernichtend, und auch wir empfanden so etwas wie „gehobene Langeweile“. Ein bisserl viel Film für doch recht wenig Handlung war mein Resümee. Trotzdem, der Hauptdarsteller (Reda Katep) war eine Wucht, die Musik ebenso und die Geschichte ist, deshalb auch die Aufmerksamkeit für den Film, hochpolitisch. Der Film arbeitet einen Aspekt des Nazi-Regimes, die Verfolgung der Roma und Sinti auf. Die Sicherheit, in der sich Django Reinhardts wähnt, ist eine trügerische. Die Anerkennung seiner Musik in Paris, auch durch die deutschen Besatzer, kann auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass er aus deren Sicht ein degenerierter Untermensch ist. Was man ihn auch recht bald spüren lässt. BioPics wie diese haben die Schwäche, dass man sich ständig fragt: war das wirklich so? Wie kann man sich sicher sein, dass ihm jetzt die Flucht gelungen ist oder nicht? Da braucht’s schon einen starken Film, der einen das vergessen macht, und den haben wir leider nicht gesehen. Schade.

Von Empfängen beim Red Carpet, diversen Bar-, Würstelbuden- und natürlich Kinobesuchen in Berlin berichtet Wolfgang Ritzberger ab Seite 18 der aktuellen Ausgabe von MEDIA BIZ.
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