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April 2018
Nr. 230


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MEDIA BIZ digital


Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger
© Diagonale/ Sebastian Reiser
Respektvolle Auseinandersetzung

Der Eröffnungsfilm prägte heuer die Diagonale in Graz, der auch am Ende als Gewinner des großen Diagonale-Preises eine Hauptrolle spielte. Die beiden Intendanten setzten ihren Weg konsequent fort und waren damit erfolgreich. Und auf der Leinwand gab es auch heuer wieder Entdeckungen, berichtet Wolfgang Ritzberger.

Als Preisträger kommt man gerne nach Graz, bleibt man gerne in Graz und mag einfach die Stadt, das Festival, schlicht alles. was dazu gehört. Als Filmschaffender und Produzent, der hinter dem Erfolg von „Die beste aller Welten“ von Adrian Goiginger stand und steht, der letztes Jahr auf der Diagonale für Überraschung sorgte und auch heuer bei der Award-Gala für außergewöhnliche Produktionsleistung im vergangenen Jahr ausgezeichnet wurde, kann ich hier als Berichterstatter auch diese Seite nachempfinden.

Der Höglinger Sebastian und der Schernhuber Peter (Höglinger selbst brachte die oberösterreichische Herkunft der beiden und den dort üblichen Brauch, den Nachnamen dem Vornamen voranzustellen, ins Spiel) schaffen es jedes Jahr, nicht nur das Geld aufzutreiben, sondern auch die entsprechenden Filme auszuwählen, um das Festival des österreichischen Films in seiner Bedeutung weit über eine reine Werkschau hinaus zu positionieren.
Dass die Positionierung eine politische sein muss, liegt auf der Hand und ist nicht nur darin begründet, dass mit einer schwarz/türkis-blauen Regierung den Filmschaffenden der Fehdehandschuh gleichermaßen von selbst ins Gesicht geworfen wird. Nein, die cineastische Vermessung unseres Landes führt zwangsläufig zu einem kritischen Statement, selbst wenn es so unspektakulär ausfällt wie Nikolaus Geyrhalters „Die bauliche Maßnahme“. Geyrhalter war einfach dabei, wie die österreichische Grenze gesichert wurde. Vor wem auch immer, zu wessen Schutz auch immer und vor allem, welchen Sinn das auch immer ergeben mag. Seine Darstellung dieses Stücks Gegenwartsgeschichte der heimischen Politik wurde auch mit dem großen Diagonale-Preis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. „Viel ist zurzeit von ,denen da oben’ und ,denen da unten’ die Rede. Der Film, den wir auszeichnen, entscheidet sich für ,die da unten’ – nicht in einem sozialromantischen Sinne, sondern einem buchstäblichen. Er bleibt auf dem Boden und trifft dort Menschen, sieht ihnen zu, hört ihnen zu. ,Die da oben werden hingegen zu einer schrillen, hysterischen Tonspur – einer Tonspur, deren Echo durch ganz Europa hallt und doch dort unten, wo der Film ist, nicht hohler nachklingen könnte. Wenn ein Film so klug unterscheiden kann zwischen dem Gesagten und dem Gelebten – vielleicht können wir das ja alle.” (Begründung der Jury)
„Murer, Anatomie eines Prozesses“ von Christian Frosch, der Eröffnungsfilm, ist der Gewinner des großen Diagonale-Spielfilmpreises. Die Begründung der Jury: „Dieser Film ist wichtig, eine minutiöse Auseinandersetzung mit Österreichs Vergangenheit und ihrer Wirkmacht bis ins Heute. Zugleich aber sticht er als ästhetische Erfahrung heraus, ist vielschichtig und psychologisch komplex und brillant gespielt. Er schafft es, Prozessakten auf der Leinwand lebendig werden zu lassen. Ein wirklich großer Gerichtsfilm – ganz ohne Helden, aber voller Porträts der Conditio humana.“  Dem ist nur hinzuzufügen, dass der Film genau richtig war, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Denn am Schauplatz Graz wurde der „Schlächter von Vilnius“ freigesprochen, trotz erdrückender Beweislage. Das Österreich der sechziger Jahre war halt mehr auf Versöhnung und „Schwamm drüber“ ausgerichtet als auf Bestrafung der Täter. Der Film macht betroffen und wütend zugleich.

Unerwartete Einigkeit
Womit ich zu den beiden Intendanten zurückkehren darf, die es schaffen, sich artig bei den Sponsoren zu bedanken, also zum Beispiel der Stadt Graz, deren politische Führung vorher und nachher von der Moderatorin gehörig eins draufgegeben wird. Auch hier stößt die Koalition von ÖVP und FPÖ auf Stadtebene sichtlich auf offene Ablehnung. Das zieht sich dann wie ein roter Faden durch die Festivaltage, kaum eine Veranstaltung kommt ohne diesbezügliche Statements aus, und beim Empfang der Initiative „Klappe auf“, die beim österreichischen Filmpreis mit dem dort verlesenen Statement von Lukas Miko ihren Anfang nahm, brummte die Bar „8020“ vor kollektiver Empörung. Dabei ging völlig unter, dass der steirische Landesrat für Kultur, Christopher Drexler, beim Film-Meeting sehr locker und eigentlich völlig unerwartet eine kulturpolitische Position bezog, die man sich so von einem ÖVP-Politiker nicht erwarten konnte. Ausgerechnet er bekannte sich explizit zur Kulturförderung, lobte ausdrücklich den Eröffnungsfilm als wichtigen Beitrag zum gesellschaftspolitischen Diskurs und konnte den mehrfach geäußerten Pessimismus hinsichtlich der Vorhaben der neuen Regierung in Sachen Filmförderung nicht teilen. Und Drexler hat hier sicher einen nicht so schlechten Zugang, er verhandelte im Team der ÖVP das Kapitel Kultur mit dem Koalitionspartner FPÖ.
Was man in Graz noch nicht wissen konnte und sich erst eine Woche später herausgestellt hat, er sollte recht behalten, die Budgets wurden im mittlerweile vorliegenden Doppelbudget nicht, wie befürchtet, gekürzt. Drexler war beim Film-Meeting auf einem Podium, zusammen mit Wolfgang Zinggl (Liste Pilz, ehemals Kultursprecher der Grünen), Rudolf Scholten (Kulturminister a. D. und Aufsichtsratsvorsitzender des ÖFI) und Claudia Gamon (NEOS). Dem vorangegangen war ein lockeres Gespräch zwischen Rudolf Scholten und Gustav Ernst über die Anfänge des sogenannten österreichischen Films von den siebziger Jahren bis zur Gegenwart, Statements von Filmschaffenden von der Geschäftsführerin des Dachverbandes der Filmschaffenden Maria Anna Kollmann über Danny Krausz (Fachverband) und Alexander Glehr (AAFP) bis zum FC Gloria. Wobei Dominik Tschütscher, der dieses Format für die Diagonale kuratiert, die Quadratur des Kreises gelungen ist, zumindest was die Auseinandersetzungen betrifft.

Vom Branchenmeeting, bei dem man das postulierte Branchenwrestling mit der Lupe suchen musste, von einer neuen Perspektive, die Doreen Boonekamp, Chefin des Netherlands Film Funds, einbrachte, von Entdeckungen im Rahmen der Diagonale und von persönlichen Hightlights berichtet Wolfgang Ritzberger ab Seite 27 der aktuellen Ausgabe von MEDIA BIZ.

Diagonale’19
19. bis 24. März, Graz
www.diagonale.at
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