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Dezember 2017
Nr. 227


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Les Miserables

Ähnlichkeiten mit dem gleichnamigen Roman von Viktor Hugo sind Zufall, die Herleitung des Titels „Die Elenden“ nicht, liest man die vom Verband der Filmschaffenden in Auftrag gegebene Studie zur sozialen Situation. Im November fand aus diesem Anlass auch eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Arbeiterkammer und der Filmschaffenden statt.
Text: Wolfgang Ritzberger.

Foto: Stephan Mussil, aac, http://stephanmussil.at

Das Ergebnis überrascht nicht und ist trotzdem eine knallende Ohrfeige und nicht einmal ins Gesicht der Produzenten, wie der Obmann des Fachverbandes Danny Krausz (DOR Film) ausführte. Er als Produzent habe sich an die geltenden Spielregeln und rechtlichen Rahmenbedingungen zu halten, und die geben einfach nicht mehr her.
Worum geht’s? Und warum hieß die Enquete „Erfolgreich armutsgefährdet“? Erstens, weil Filmschaffende projektbezogen arbeiten und daher nur teilweise in das Sozialsystem eingegliedert seien und zum Beispiel Anwartschaften auf Arbeitslosengeld oder später dann eine Pension nicht so mühelos erreichen wie „normale“ Angestellte. Zweitens, weil der Trend hin zu prekären Beschäftigungsverhältnissen ungebrochen anhält. Konkret heißt das, dass jeder Dritte nicht korrekt beschäftigt wird, also der Kollektivvertrag nicht richtig umgesetzt wird bzw. ein weiteres Drittel gar nicht gemäß KV beschäftigt wird. Meist wissen die Betroffenen gar nicht, dass der KV auch für sie gilt oder wie genau der KV aussieht. Und schließlich drittens sich eine Lebens- und Familienplanung mit solchen Jobs schwer oder gar nicht gestalten lässt und Filmschaffende mehrheitlich armutsgefährdet seien.
Starker Tobak, der schon vor zwei Jahren, als die ersten Daten auf dem Tisch lagen, bei der Diagonale vorgestellt wurde.

Die Diskussion kreiste mehr oder weniger um diese Themen, die aus unterschiedlicher Perspektive auch unterschiedlich beurteilt wurden. Klar, dass ein Gewerkschafter nur sehen will, ob ein Beschäftigter auch wirklich beschäftigt wird, im Sinne einer auch sozialen Absicherung. Mal abgesehen von adäquater Entlohnung, die in Österreich im Kollektivvertrag geregelt ist. Was aber zur Replik der Produzenten führt, dass es in Wahrheit keine Rechtssicherheit gebe, denn je nach Bundesland würden Sozialversicherungsträger unterschiedlich entscheiden, wenn es um die Zuordnung selbständig oder nicht geht. Ein Requisiteur etwa werde von den Sozialversicherungen nicht als Beruf anerkannt und als Hilfsarbeiter eingestuft, was nicht nur seiner eigenen Wahrnehmung des von ihm jahrelang ausgeübten Berufes nicht so ganz entspricht.
Aber einige Ideen klangen an diesem Nachmittag durchaus zukunftsweisend, etwa der Ansatz, dass die Filmbranche ein weites Spektrum an Tätigkeiten darstelle und ob wir nicht die tatsächlich geleistete Arbeit irgendwie sozialrechtlich anders abbilden, anders beurteilen sollten. Wieviel Projekt hat man so im Schnitt, was gilt als Vorarbeit? Ist es daher gerecht, wenn ich als Filmschaffender nur für die eigentlichen Drehtage sozialversichert bin? Ähnliche Überlegungen dann bei der, zugegeben sehr politischen und ideologischen Frage, ob es gerecht sei, dass es ein paar wenige Spitzenverdiener gäbe und dann wieder viele, die an der Armutsgrenze vorbeischrammten.

Mehr über die Inhalte dieser Podiumsdiskussion erfahren Sie ab Seite 34 der aktuellen Ausgabe von MEDIA BIZ, mehr zu diesem Thema in den kommenden Ausgaben. Die Aufzeichnung der Veranstaltung ist weiterhin unter dem Titel „Erfolgreich armutsgefährdet – Die Arbeits- und Lebenssituation Filmschaffender in Österreich“ auf YouTube verfügbar:
www.youtube.com/watch?v=0BfqSPcnHUA


Statement Kurt Brazda:
„In der  Veranstaltung ERFOLGREICH ARMUTSGEFÄHRDET wurde erstmals kompetent thematisiert, dass der Sozialversicherungsschutz in der existierenden Form den Anforderungen der Arbeitswelt im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr gerecht wird. Die Berufspraxis im Film- und Medienschaffen manifestiert gleichsam modellhaft  die absolute Unzulänglichkeit der Sozialversicherungssysteme für Gegenwart und Zukunft.

Gleichzeitig sind arbeitsrechtliche Absicherungen für Neue Selbstständige und EPUs, die als aktuelle und zukünftige Formen der Arbeit bereits gelebte Realität sind, zu schaffen. Da sie keinesfalls als Unternehmer im gebräuchlichen Sinn zu betrachten sind (siehe mein Einleitungsstatement zur Veranstaltung) müssen für sie einklagbare Honorarkataloge entsprechend den Mindestgagentarifen der Kollektivverträgen ausgehandelt werden. Damit wäre für diese Gruppe auch ein Versicherungsschutz, der diesen Namen verdient, leistbar. Diese neuen Leistungsträger sind daher das natürliche Klientel einer gegenwärtigen und zukünftigen Gewerkschaftsbewegung.

Bei der Veranstaltung hat sich auch deutlich gezeigt, wie viele Betroffene wir als Verbündete in diesem Kampf haben. So haben sich zum Beispiel die anderen Kulturschaffenden  sowie auch die Journalisten eindeutig mit unseren Forderungen solidarisiert. Ich erwarte mir daher, dass daraus in Zusammenarbeit mit der AK klare politische Programme entstehen, an denen Politik, Kammern und Gewerkschaften nicht vorbei kommen.

Allerdings ist mir natürlich bewusst, dass die aktuelle politische Situation in Österreich dafür nicht gerade hilfreich ist. Umso stärker müssen wir daher den solidarischen Kampf aufnehmen in dem Bewusstsein, dass wir als Medienschaffende eine soziale und politische Verantwortung tragen, die wir jetzt unter Beweis stellen können.“
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