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März 2019
Nr. 237


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MEDIA BIZ digital


Gerda Lampalzer:  Die Medienwerkstatt spielt als physischer Ort eine wesentliche Rolle. Es geht nicht nur um die Archivierung unserer Geschichte, sondern um die Aufrechterhaltung eines Raumes, in dem Menschen einander begegnen, sich austauschen und etwas in Eigeninitiative entwickeln können.
Foto:  Textil Müller Adjustable , Lampalzer/Oppermann





Manfred Neuwirth:  Um persönliche Handschriften zu entwickeln, bedarf es auch spezieller Produktionsbedingungen, die nicht kommerziellen Richtlinien unterliegen. Die Medienwerkstatt stellt dafür (Frei)Raum zur Verfügung.
Foto: M. Neuwirth bei den Dreharbeiten zu  Snow|Schnee , loop media
Individuelle Handschriften ermöglichen

Seit ihrer Gründung im Jahre 1978 hat sich die Medienwerkstatt Wien zu einem der wichtigsten Orte für unabhängige Medienproduktionen entwickelt. Gerda Lampalzer und Manfred Neuwirth werfen im Gespräch mit Gabrielle Schultz einen Blick zurück nach vorn.

Ende der siebziger Jahre gab es in Österreich zwei staatliche Fernsehprogramme, ORF 1 und ORF 2, Alternativen in Form von Kabelfernsehen oder Privatsendern waren nicht vorhanden. „Die Übermacht des Staatsfernsehens lag vor allem in seiner uneingeschränkten Themenführerschaft. Was nicht ins Fernsehen kam, war medial nicht von Bedeutung“, sagt Gerda Lampalzer. In diese Zeit, in der das Staatsfernsehen ein uneingeschränktes Monopol hatte, fällt die Gründung der Medienwerkstatt Wien - ein nicht kommerzielles Videostudio, das im Gefolge alternativer und emanzipatorischer Bewegungen wie beispielsweise der Arena-Besetzung als Ort künstlerischer Praxis dienen sollte und konnte.

Ungustl Atom, 1980, Volks stöhnende Knochenschau
Foto: Filmmuseum Wien / Medienwerkstatt Wien

„Von Beginn an wurde die Medienwerkstatt als Kollektiv geführt, das Künstlerinnen und Künstlern eine Infrastruktur für ihre Arbeit und für die Entwicklung individueller Handschriften bot“, ergänzt Manfred Neuwirth. Im Laufe der Jahre hat die Medienwerkstatt sich mehrfach neu ausgerichtet und zukunftsweisende strukturelle und inhaltliche Wandlungen durchlaufen. War es zu Beginn vor allem die Bereitstellung einer technischen Infrastruktur, so ist es mittlerweile ein umfassendes Vermittlungskonzept, das einen kontinuierlichen Diskurs im Medienkunstbereich sichert. Das regelmäßige Veranstaltungsprogramm schlägt eine Brücke zwischen Produktion und Diskurs und ist in dieser Ausrichtung einer der wenigen Orte in Österreich, wo der Austausch von Medientheorie und -praxis öffentlich sichtbar gemacht wird. 
Erst im November präsentierte das Österreichische Filmmuseum unter dem Titel „Partly Truth Partly Fiction“ einen Querschnitt durch die Bandbreite der Produktionen. Unter anderem war der Widerstandsklassiker „Küchengespräche mit Rebellinnen“ (1984), „Paranormal“ (Lampalzer/Oppermann 1997) über faszinierende Feldforschung im Reich der Grenzwissenschaften und Manfred Neuwirths neuestes Dokumentar-Essay „Snow|Schnee“ (2018) zu sehen.
Die historischen Videos der Medienwerkstatt wurden in digitalen Versionen – größtenteils neu remastered – gezeigt. Auf der Website der Medienwerkstatt sind zahlreiche Arbeiten zu sehen.

Ich kann mich noch an das Projekt „Volks stöhnende Knochenschau“, eine Videowochenschau im Rahmen der Wiener Festwochen 1980, erinnern. Ein mobiler Videobus kam zum Einsatz, die Menschen empfanden die Videomonitore als Fernseher. Ist heute eine solche Aktion noch denkbar?
Manfred Neuwirth: In der Form sicherlich nicht, da haben wir in den letzten 40 Jahren drastische Veränderungen erlebt. Das Projekt Videowochenschau der Medienwerkstatt Wien war das erste partizipative Medienprojekt in Österreich, mit dem wir versucht haben, ein breites Publikum auf der Straße zu erreichen. Und wir haben die sozialen Orte genutzt, die uns damals zur Verfügung standen. Heute stehen ganz andere Ansätze zur Verfügung beziehungsweise haben sich die Ansätze verlagert.

Die Bedeutung dieses Projekts wird einem erst bewusst, wenn man die Medienlandschaft der damaligen Zeit berücksichtigt. Mediale Relevanz hatte nur, was im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde.
Gerda Lampalzer: Das ist der wesentliche Punkt, im Rahmen dieses Projektes konnten sich Gruppen äußern, die keine öffentliche Stimme hatten. Und dass damals die Monitore als Fernseher wahrgenommen wurden, hat eine hohe Aufmerksamkeit erzeugt und sicherlich zur Erzeugung einer Gegenöffentlichkeit beigetragen. 1980 existierten keine Alternativen in Form von Kabelfernsehen oder Privatsendern. Eine Öffentlichkeit für Randgruppen, oppositionelle Meinungen oder Spezialthemen, die heute von einem diversifizierten Sende(r)angebot abgedeckt wird, war nicht existent. Diese Bedingungen, die nicht zuletzt auch die Voraussetzung für die Gründung der ersten Videoinitiativen in Österreich Ende der 70er Jahre - unter anderem auch der Medienwerkstatt - waren, machten den Symbolwert öffentlicher Vorführungen auf Monitoren so bedeutend. Die Zuschauer sahen quasi „im Fernseher" Beiträge, die inhaltlich wie formal entgegen ihren Sehgewohnheiten funktionierten. Dementsprechend heftig und vielfältig waren auch die Reaktionen vor Ort.

Wie sich die Medienwerkstatt (www.medienwerkstatt.at) seit den 80er Jahren entwickelt hat, welche Aufgaben sie heute übernimmt, oder von einer Entwicklungsplattform für nachkommende Generationen berichten Gerda Lampalzer und Manfred Neuwirth im Gespräch mit Gabrielle Schultz, nachzulesen ab Seite 33 der aktuellen Ausgabe von MEDIA BIZ.
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