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Gewinner und Verlierer der Corona-Pandemie

Ein Kommentar von GERNOT SCHÖDL, Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden (VdFS)
GERNOT SCHÖDL, Geschäftsführer der Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden (VdFS)
© Rainer Mirau 2017

Der hohe Stellenwert von Kunst und Kultur
In Zeiten einer weltweiten Pandemie zeigt sich der Stellenwert von Kunst und Kultur für eine Gesellschaft besonders. Drücken Lockdown-bedingte Maßnahmen sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich in Form von Arbeitsbeschränkungen, Produktionsausfällen, Ausgehverboten, Verboten von Zusammenkünften, etc. auf unser aller Gemüt, so sind es insbesondere die schönen Künste, die uns durch diese schwierigen Zeiten tragen und für Zuversicht und Hoffnung sorgen. Das Hören von Musik, Ansehen eines Films, Lesen eines Buches oder Betrachten eines Werkes der bildenden Kunst sind nachweislich Balsam für die Seele vieler Menschen in psychisch belastenden Situationen.

Ohne Kunst und Kultur wird‘s in der Tat still
Umso wichtiger ist es, der durch die Corona-Pandemie besonders betroffenen europäischen Kultur- und Kreativwirtschaft - der starke Rückgang im Jahr 2020 hat diese rund 31 Prozent ihrer Einnahmen gekostet [1] - auf politischer Ebene rasch, umfassend und konsequent zu Hilfe zu kommen und Maßnahmen zu ergreifen, um das Öffnen von Konzertsälen, Theatern, Kinos, etc. möglichst rasch zu ermöglichen und auch im Kunst- und Kulturbetrieb schon bald wieder zur Normalität zurückkehren zu können.

Die Gewinner der Pandemie
In diesem Zusammenhang ist festzuhalten, dass der Online-Konsum urheberrechtlich geschützter Werke und Leistungen (Musik, Filme, Texte und Bilder) im privaten Bereich - sowohl auf Streaming Diensten wie Spotify, Netflix und Amazon Prime als auch auf den großen Online-Plattformen wie YouTube, Facebook und Instagram - nicht zuletzt aufgrund der Lockdown-bedingten Schließungen von Konzertsälen, Theatern und Kinos insbesondere im Jahr 2020, aber auch schon in den Jahren davor, massiv zugenommen hat. Einer Studie der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle (als Teil des Europarats in Straßburg) zufolge sind die Einnahmen der europäischen Video-On-Demand Dienste in den letzten zehn Jahren um das 30-fache gestiegen [2]. Zu den weiteren klaren Gewinnern der Corona-Pandemie zählen die Online-Giganten aus dem Silicon-Valley (YouTube & Co.), die ihre notorisch satten Gewinne durch Werbeeinnahmen, die sie mit dem geistigen Eigentum Dritter erwirtschaften, jährlich weiter steigern.

Die Verlierer der Pandemie
Nicht einher mit diesen steigenden Gewinnen der Online-Plattformen und Streaming-Dienste gehen die Erlöse der Kunstschaffenden aus der kontinuierlich wachsenden Nutzung ihrer Werke und Leistungen. Die klaren Verlierer der Pandemie sind daher die Kunstschaffenden, denen aufgrund der umfassenden Beschränkungen in vielen Fällen ihre Arbeits- und Lebensgrundlage entzogen wird. Ein Werkzeug, das den Kunstschaffenden gerade auch in Zeiten von Erwerbslosigkeit halbwegs kontinuierliche Einnahmen sichern soll, ist das Urheberrecht. Dabei gilt traditionell der Grundsatz, dass für jede Nutzung eines Werks und einer Leistung eine angemessene und verhältnismäßige Vergütung an die Kunstschaffenden zu bezahlen ist. Dieser traditionelle Grundsatz des Urheberrechts ist im Online-Bereich jedoch komplett durchbrochen. Weder können Musiker/innen von den Streams und Downloads ihrer Musik - selbst internationale Stars bei millionenfacher Nutzung - noch Regisseur/innen oder Schauspieler/innen von den Streams und Downloads ihrer Filme leben. Was früher das Airplay im Radio war, ist heute das Streaming in der Spotify-Playlist. Wurde Musik früher noch vorrangig auf physischen Trägern (CDs, DVDs, etc.) vertrieben und genutzt, wird Musik heute primär Online vertrieben und genutzt. Der große Unterschied ist, dass Musiker/innen früher von den Erlösen aus Sendungen im Radio, öffentlichen Aufführungen und Platten- bzw. CD-Verkäufen noch leben konnten, die Einnahmen aus Streaming-Nutzungen heute jedoch bestenfalls für ein bescheidenes Abendessen reichen. Besonders bitter in Zeiten, in denen die so wichtigen Einkünfte aus Live-Konzerten und -Auftritten (öffentlichen Aufführungen) pandemiebedingt komplett weggebrochen sind. Auch im Filmbereich verlagert sich die Nutzung von Filmen durch die Konsument/innen zunehmend vom Kino in den mobilen und Heim-Bereich (Stichworte: Handy, Tablet und Heimkino), was die im letzten Jahr massiv gestiegenen Abos bei Diensten wie Netflix, Amazon Prime & Co. belegen. Kurz: Die Erlöse für die kontinuierlich wachsenden Nutzungen im Online-Bereich gehen derzeit an den Kunstschaffenden komplett vorbei und kassieren andere - konkret die Primärverwerter (Labels, Produzenten, etc.) und deren Sublizenznehmer in der (gerade bei internationalen Verträgen meist sehr langen) Vertragskette und vor allem die Streaming-Dienste und Online-Plattformen selbst.

Die Lösung für diesen untragbaren Zustand
Dies hat vorrangig rechtliche Gründe und mit der Gestaltung der Verträge zwischen den Kunstschaffenden und den Verwertern zu tun (Buy-outs). Eine Möglichkeit, diese untragbare Schieflage in Form des immer größer werdenden „Value Gaps“ zwischen den Erlösen der Online-Plattformen und Streaming-Dienste auf der einen und den Einnahmen der Kunstschaffenden [3] auf der anderen Seite zu korrigieren, besteht im Rahmen der bevorstehenden Novelle des Urheberrechts (UrhG-Novelle 2021), bei der die Binnenmarkt-Richtlinie der EU aus dem Jahr 2019 sowie die Vorgaben des Regierungsprogramms 2020-2024 in Bezug auf ein umfassendes Urhebervertragsrecht umzusetzen sind. Dabei ist aufgrund des Umstands, dass vertragliche Beteiligungen für Online-Verwertungen in der Praxis kaum existieren bzw. funktionieren, gesetzlich sicherzustellen, dass neben der Kreativwirtschaft (sofern diese einen angemessenen Beitrag zur Verwertung leistet) insbesondere auch jene, ohne die es keinerlei wie auch immer geartete Verwertung gäbe - i.e. die Urheber/innen und ausübenden Künstler/innen - ebenfalls angemessen an den Einnahmen der Online-Plattformen und Streaming-Dienste beteiligt werden: Stichwort kollektiv wahrgenommene Direktvergütungsansprüche [4].
www.vdfs.at


Gernot Schödl war auch einer der Teilnehmer der Diskussionsrunde zum Thema Urheberrechtsgesetz-Novelle 2021 in MEDIA BIZ INFO-Channel Folge 23 vom 17. Dezember 2020.



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[1] Siehe dazu die Studie „Rebuilding Europe“ aus dem Jahr 2021 unter https://www.rebuilding-europe.eu
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[2] Siehe dazu die Studie der IRIS aus dem Jahr 2021 unter https://go.coe.int/dK6tp
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[3] Siehe dazu z.B. die Studie über die Vergütung der europäischen audiovisuellen Autor/innen aus dem Jahr 2019 unter https://www.saa-authors.eu/en/publications/580-european-study-on-the-remuneration-of-audiovisual-authors
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[4] Siehe dazu die Vorschläge der Initiative Urhebervertragsrecht unter www.urhebervertragsrecht.at
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